ADELA JUšIć: THE SNIPER 2007
Adela Jušić, The Sniper, 2007
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Memory Traces

65. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen 2019

Welche Ereignisse bleiben im Gedächtnis, was wird vergessen und wie wahr und objektiv sind solche Spuren des Vergangenen? In den vorgestellten Videos werden individuelle und kollektive Erinnerungen gegenübergestellt. Persönliche Perspektiven der Künstler*innen auf ihr soziales Umfeld vermengen sich mit den Ereignissen der Zeitgeschichte und formen die Erinnerungen neu. Das Private und die Erzählungen aus der Familiengeschichte werden auf diese Weise im größeren Zusammenhang historischer Ereignisse betrachtet.

Adnan Softić: Ground Control
Bosnien-Herzegowina/Deutschland, 1999-2009, 12:33 Min., mehrspr. OV mit engl. UT

1999 kreierte der in Bosnien aufgewachsene Adnan Softić eine fiktive Dokumentation über die angeblichen politischen Straftaten seines Vaters und die Mitschuld der Mutter. Zehn Jahre später fügte er dem Material einen Epilog hin zu, in dem er die eigene Fähigkeit, sich Geschichten auszudenken, in Bezug zu Kriegsvergangenheit seines Landes und der von nationalistischer Propaganda geprägten Geschichtsschreibung stellt.


Robert Cahen: Juste le Temps
Frankreich, 1983, 12:40 Min.

Zwei Reisende in einem Zug: eine schlafende Frau und ein umhergehender Mann, deren Beziehung zueinander sich nicht klären lässt. Die vorbeiziehende Landschaft wird zum Bindeglied von Träumen, Assoziationen und Erinnerungen. Verlangsamung und Beschleunigung treffen in der Zugfahrt aufeinander und geben den Impuls, die Landschaft in abstrahierende Muster zerfließen zu lassen.


Madelon Hooykaas / Elsa Stansfield: Re:location
Niederlande, 1999, 15:47 Min.

Steine, Mineralien, geologische Formationen, prähistorische Funde, aber auch moderne Fotografien speichern die Erinnerung an Ereignisse. Der Film regt die kontemplative Betrachtung der Artefakte an und wirft die Frage auf, wie die ‚Umsiedlung‘ (Re-Location) und Musealisierung der Objekte andere Wahrnehmungskontexte schafft.

Adela Jušić: The Sniper
Bosnien-Herzegowina, 2007, 4 Min., Englisch

Das filmische Portrait des Vaters der Künstlerin nimmt als Ausgangspunkt eine Fotografie, die während der Belagerung von Sarajevo im Bosnienkrieg aufgenommen wurde. Als Scharfschütze führte der Vater ein Tagebuch darüber, wie viele Soldaten des Gegners er täglich erschoss. Die persönliche Geschichte Adela Jušićs, deren Vater schließlich selbst Opfer eines Scharfschützen wurde, macht uns zu betroffenen Zeugen eines Konflikts, bei dem unwichtig erscheint, wer auf welcher Seite eigentlich kämpfte.


Doplgenger (Isidora Ilić und Boško Prostran): BENEATH A STARLESS SKY AS DARK AND THICK AS INK
Serbien, 2015, 15:20 Min., Serbisch mit engl. UT

Das Belgrader Künstlerduo Doplgenger nimmt Bezug auf Émile Zolas Roman Germinal von 1885, dessen Handlung im Bergarbeitermilieu angesiedelt ist. Doplgenger greift das Thema der Arbeitsmigration auf, die in den 1960ern zahlreiche ‚Gastarbeiter‘ aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Westeuropa führte. Das Video dreht sich um eine fiktive Gesellschaft im Jahr 2115, die sich anhand von Archivberichten des jugoslawischen Fernsehens Erkenntnisse für die eigene Entwicklung erhofft.